04.11.2011 10:54 Wissensecke

Das "verflixte" Kreuzband

Kniegelenk mit Kreuzbandersatzplastik  © © NFV
Kniegelenk mit Kreuzbandersatzplastik
von Dr. Sanjay Weber-Spickschen

Im Fußball kommt es regelmäßig zu kleinen oder größeren Verletzungen. Durch die richtigen Sofort-Maßnahmen können längere Verletzungspausen vermieden oder wenigstens verkürzt werden.

Neben den Verletzungen der Sprunggelenke gehören Verletzungen der Kniegelenke zu den häufigsten Verletzungen im Fußball – jeder Trainer/Betreuer wird mit damit konfrontiert. Das Fatale dabei: Gerade Knieverletzungen führen meist zu langen Ausfallzeiten und bedeuten nicht selten das Ende der Karriere. Entsprechend berechtigt ist die Angst vor schweren Verletzungen.

Nachfolgend vermittelt Dr. Sanjay Weber-Spickschen das notwendige Fachwissen für die optimale Spielerbetreuung. Durch sportorthopädisches Wissen kann das Training optimiert und dadurch das Verletzungsrisiko schwerer Knieverletzungen gesenkt werden. Dr. Sanjay Weber-Spickschen erklärt die Kniebinnenstrukturen und deren Funktionen und Therapieoptionen. Er gibt Tipps zur Verletzungsprävention und erläutert deren Bedeutung.

Das Innenband/mediale Seitenband

Das Innenband stabilisiert das Kniegelenk auf der Innenseite und schützt vor einem Aufklappen des Gelenkes auf der Innenseite. Durch Gewalteinwirkung von außen in Richtung der Innenseite, aber auch bei Knieverdrehverletzungen (dann meist in Kombination mit weiteren Verletzungen) kann das Innenband zerren oder reißen.

Meist heilt eine Innenbandzerrung oder ein Riss (wenn nur das Innenband betroffen ist) auch ohne Operation aus. Unter bestimmten Voraussetzungen kann allerdings eine Operation notwendig sein.

Das Außenband/laterale Seitenband

Das laterale Seitenband stabilisiert das Kniegelenk auf der Außenseite und wird durch Kraft von der Außenseite auf das Kniegelenk geschädigt. Auch hier kann eine Ruhigstellung wie beim Innenband ausreichen, allerdings muss beim Außenband häufig operiert werden.

Das vordere Kreuzband

Das vordere Kreuzband ist ein zentraler Stabilisator im Kniegelenk. Es verläuft schräg im Knieinneren vom Oberschenkel zum Unterschenkel und verhindert ein zu starkes nach vorne Gleiten des Unterschenkels gegenüber dem Oberschenkel, sowie ein zu starkes nach innen Drehen des Unterschenkels in strecknaher Position.

Der typische Verletzungsmechanismus ist das Knieverdrehtrauma bei fixiertem Fuß, jedoch können auch verschiedene andere Mechanismen ursächlich sein.
Kommt es zu einem Riss des vorderen Kreuzbandes wird beim aktiven Fussballer in der Regel die operative Kreuzbandersatzplastik empfohlen.

Was ist eine Kreuzbandersatzplastik?

Bei der Kreuzbandersatzplastik werden wahlweise die Patella-Sehne (Kniescheibensehne) oder die Hamstringssehnen (Beugesehnen, die zur Knieinnenseite ziehen) entnommen. Aus der Sehne/den Sehnen wird dann ein Kreuzbandersatz präpariert, Bohrkanäle in den Oberschenkel und das Schienbein gebohrt und dann dort das Sehnenpräparat eingezogen und fixiert. Sowohl eine Naht der gerissenen Kreuzbandenden als auch der Einsatz von künstlichen Sehnen haben keine Erfolge erzielt und werden nicht mehr eingesetzt.

Natürlich ist der Kreuzbandersatz biomechanisch nicht genauso hochwertig wie das unverletzte Kreuzband. Eine sehr lange und intensive Nachbehandlung spielt für die erfolgreiche Wiedereingliederung in den Fußball eine herausragende Bedeutung. Dabei ist die engmaschige Betreuung durch den Sportarzt und den Sportphysiotherapeuten, sowie das umfangreiche selbstständige Training die wesentliche Grundlage.

Das hintere Kreuzband

Das hintere Kreuzband ist ebenfalls ein zentraler Stabilisator des Kniegelenkes und verhindert zu starke Bewegungen des Oberschenkels auf dem Schienbein nach hinten und eine vermehrte Rotation. Glücklicherweise sind Verletzungen des hinteren Kreuzbandes sehr selten, treten jedoch gehäuft bei Torhütern auf. Typische Verletzungsmechanismen sind ein Anprall eines Gegenspielers von frontal gegen den Unterschenkel oder der Sturz auf das gebeugte Kniegelenk. Therapieoptionen sind die Ruhigstellung und konservative Therapie oder die Operation mit einer Kreuzbandersatzplastik.

Die Menisken

Dr. Sanjay Weber-Spickschen  © © NFV
Dr. Sanjay Weber-Spickschen
Meniskusverletzungen können akut durch ein Knieverdrehtrauma, aber auch chronisch durch Überlastung geschädigt werden. Wichtige Funktionen der Menisken sind die Druckverringerung, Stabilisierung, Gelenkschmierung und Propriozeption.

Kommt es zu einem Meniskuseinriss, ist die Stoßdämpfung stark geschwächt und die Abnutzung der Gelenkflächen deutlich erhöht. Gleichzeitig können eingerissene Meniskusanteile im Gelenk ähnlich wie „Sand im Getriebe“ die Gelenkoberflächen/den Knorpel schädigen und die Beweglichkeit blockieren. Kommt es zu einem kleinen Meniskusriss, sollte daher der eingerissene und funktionslose Meniskusanteil operativ entfernt werden, um ein Voranschreiten des Einrisses, aber auch die Schädigung der Knorpeloberflächen zu verhindern.

Dabei wird so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig des Meniskus entfernt.
Bei jungen Spielern kann bei bestimmten Risslokalisationen auch eine Naht des frisch gerissenen Meniskus durchgeführt werden, welche allerdings mit einer deutlich längeren Ausfallzeit einhergeht. Leider führt eine Meniskusschädigung zu erhöhten Belastungen für das Kniegelenk, was die Entstehung einer Arthrose zur Folge haben kann.

Der Knorpel

Die gelenkbildenden Anteile der Knochen sind von einer Knorpelfläche überzogen. Der Knorpelüberzug sorgt für ein reibungsarmes Gleiten und eine gleichmäßige Druckverteilung. Kommt es durch ein Trauma zu einer Knorpelschädigung, verliert der Knochen seine schützende Hülle. Bei einem frischen Trauma ist es teilweise möglich, die abgelöste Knorpelschuppe (ggf. mit Knochenstück) arthroskopisch zu refixieren, häufig ist dies jedoch nicht möglich.

Das abgelöste und funktionslose Stück sollte dann entfernt werden, damit es im Gelenk keinen größeren Schaden anrichtet. Problematisch ist jedoch, dass ein Loch im Knorpel, ähnlich einem Krater, zurückbleibt. Leider heilt das Knorpelloch nicht von selbst wieder zu.

Es ist zwar unter bestimmten Bedingungen möglich, dass entstandene Knorpelloch mit verschiedenen Verfahren zu schließen, zum Beispiel mit angezüchtetem Knorpel aus dem Labor oder einem entnommenen Knorpel-Knochen-Zylinder, allerdings sind diese Verfahren sehr aufwändig und gehen mit sehr langen Ausfallzeiten einher. Oftmals stellt ein Knorpelschaden einen „Karriereknick“ oder sogar das Ende der fußballerischen Karriere dar.

Was bedeutet eigentlich Arthrose?

Durch chronische Belastungen des Kniegelenkes über viele Jahre kann es, gerade wenn es in der aktiven Zeit zu Verletzungen des Kniegelenkes gekommen ist, zu einer flächigen Schädigung des Knorpels und des angrenzenden Knochens kommen. Schädigungen wichtiger Kniestrukturen stellen eine Präarthrose dar, begünstigen also die Entstehung einer Kniegelenksarthrose.

Leider gilt auch hier: Ist die Arthrose erst entstanden, lässt sie sich nicht mehr rückgängig machen. Typischerweise geht die Arthrose mit Schmerzen und Bewegungseinschränkungen einher.

Auch wenn junge Spieler sich den Leidensdruck einer Arthrose im Kniegelenk noch nicht vorstellen können, obliegt es den Betreuern, entsprechende Aufklärungsarbeit zu leisten.

Daher gilt: Vermeidung von Knieverletzungen durch vernünftige Prävention, um das Risiko sowohl einer Sportinvalidität im jungen Alter, als auch das Risiko schwerwiegender Dauerschäden mit entsprechenden Konsequenzen im Leben nach dem Fußball zu minimieren.

 

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Dringend lesen! Jerome Heger


Wissensecke
Verletzt - was nun? Knieverletzungen

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