03.12.2012 14:55 Wissensecke

„BVB profitiert vom Hornissen-Effekt!“

Harald Braem: "Hauptdarsteller beim Fußball ist der Ball"  © Petra Dutiné
Harald Braem: "Hauptdarsteller beim Fußball ist der Ball"
Farben begleiten uns tagtäglich – auch im Fußball. Rot dominiert zum Beispiel bei den Heimspiel-Trikots der Bundesliga. Zuletzt war ein pinkfarbener Ball bei Schneespielen im Einsatz. Welche Bedeutung die Farben auf dem Rasen haben, wie sie Spieler gleichermaßen beflügeln aber auch irritieren können und warum der pinkfarbene Ball nicht die optimale Lösung ist – darüber spricht Training & Wissen online mit dem Farbpsychologen Professor Harald Braem, Leiter des Instituts für Farbpsychologie in Bettendorf.   

TWO: Herr Braem, Farben beeinflussen uns in nahezu jeder Situation und sie wirken auf unsere Stimmung. Welche Bedeutung haben die Farben im Sport, insbesondere im Fußball?

Professor Harald Braem: Im Fußball spielen viele Komponenten eine Rolle, traditionelle Fanbindung ist eine davon. Aus Tradition wollen Fans ihre Vereine wiedererkennen. Also müssen sich die Vereinsfarben in den Trikots auch finden. Ein weiterer Punkt ist die Stimulanz. Nehmen wir hier das Beispiel der deutschen Nationalmannschaft unter dem Trainer Jürgen Klinsmann, als die Mannschaft in roten Auswärtstrikots spielte. Klinsmann legte den Spielern Trikots in verschiedenen Farben vor und die Spieler entschieden sich für die roten.

TWO: Von den 18 Bundesliga-Teams spielen acht Mannschaften in roten Heimtrikots, vier in weiß, drei in grün, zwei in blau und eine Mannschaft, Borussia Dortmund, spielt in gelb. Welche psychologische Bedeutung hat die Trikotfarbe?

Braem: Es gibt zwei dominierende Farben, sozusagen die Siegerfarben. Rot ist eine davon und Blau die andere. Dabei ist Rot nicht nur eine Signalfarbe, Rot hat Energie, Rot hat Power und ist dynamisch. Es steht für Aktivität, Schnelligkeit und springt ins Auge. Rot ist eine „Eye-Catcher-Farbe“. Blau hingegen ist eine Mannschaftsfarbe und zieht Gruppen zusammen. Blau ist zeitlos, endlos wie der Himmel und das Meer. Es holt das Letzte aus den Spielern heraus. Weiß steht dagegen für Fairness und Sauberkeit, drückt sogar Passivität, Zurückhaltung und Ängstlichkeit aus. Farbpsychologisch ist Weiß nicht zu empfehlen. Bei Grün ist das identisch. Grün wird mit Ruhe verbunden und ist eher eine Tarnfarbe.

TWO: Und wie ist es beim aktuellen Deutschen Meister Borussia Dortmund?

Braem: Borussia Dortmund, das ist wichtig, spielt in Gelb-Schwarz. Wir kennen das aus der Natur als Signal- oder Warnfarbe. Ihnen kommt also der „Hornissen-Effekt“ zugute. Die Kombination hat eine starke Fernwirkung und einen starken Kontrast. Daher verbindet man Borussia Dortmund mit dem „Hornissen-Effekt“. Wenn die Spieler von Jürgen Klopp loslegen, können Sie gefährlich werden.

TWO: Kann die Farbwahl für Topleistungen mitentscheidend sein? Also eine ideale Farbkombination, die die eigene Mannschaft beflügelt und den Gegner irritiert?

Harald Braem, Farbpsychologe   © Sylvia Catharina Hess
Harald Braem, Farbpsychologe
Braem: Die Farbkombination macht im mentalen Bereich einige Prozente aus. Eine sehr gute Kombination ist, wie bereits erwähnt, Schwarz-Gelb. Die Kombination ist überraschend gut, weil sie den Gegner verwirrt und beeindruckt. Ebenso geeignet sind ganz schwarze Trikots, wie zum Beispiel das Auswärtstrikot der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2010. Schwarz steht für Dominanz, bereitet dem Gegner Angst und ist als Farbe einnehmend. Schwarz-Weiß ist hingegen veraltet. Die ideale Zusammenstellung von Farben trägt übrigens Superman: Blau, Rot und knalliges Gelb.

TWO: Aber das trägt leider keine Mannschaft!

Braem: Stimmt. Mir fällt gerade auch keine ein. Das Stadion des FC Basel ist allerdings in den Farben von Superman gehalten. Es gibt Fanblöcke in Blau, Rot und Gelb. Auch deshalb herrscht dort eine tolle Fußballstimmung (lacht).

TWO: Können auch Torhüter mit ihrer Kleidung die eigene Mannschaft unterstützen? Wie wirkt die Farbe auf den Gegner, beispielsweise beim Elfmeter?

Braem: Das optimale Torwarttrikot hätte Tarnfarben. Das würde den Gegner beeindrucken und speziell beim Elfmeter stark irritieren. So wäre die eigene Mannschaft gestärkt und der Gegner verunsichert.

TWO: In Aue und in Freiburg wurde bei Schneefall neulich erstmals ein pinkfarbener Ball eingesetzt. Bislang gab es rote, orangefarbene oder gelbe Bälle. Bildet Pink zu Weiß einen stärkeren Kontrast?

Braem: Der Kontrast Pink-Weiß ist nicht so stark wie Rot und Weiß. Gelb-Weiß hat kaum eine Kontrastwirkung, Orange-Weiß ist auch eher bremsend.

TWO: Passt denn die Farbe Pink in die „Männerdomäne“ Bundesliga?

Braem: Wir haben vor wenigen Tagen genau zu diesem Thema eine Blitzumfrage gestartet. Übereinstimmend in allen Altersklassen, bei Männern und Frauen, kam heraus, dass die Farbe Pink beim Fußball unpassend sei. Die Befragten stutzten und wollten es nicht wahrhaben, dass im männlichen Fußball mit einem pinkfarbenen Ball gespielt wird. Es sei keine Power mehr im Spiel. Alles sei damit zu zart und modisch, so die Befragten. In der Tat: Pink bremst ab. Man tritt gegen einen pinkfarbenen Ball nicht so fest wie gegen einen roten oder schwarzen Ball.

TWO: Wo könnte man die Farbe Pink besser einsetzen?

Braem: Pink wird beispielsweise in Gefängnissen und Kliniken in Therapieräumen eingesetzt. Es handelt sich um Schutzräume, die aufgrund der Farbe beruhigend wirken sollen. In der Psychotherapie spricht man von „Cool-down-pink“.

TWO: Aus farbpsychologischer Sicht – welche Ballfarbe wäre für solche Spiele denn geeignet?

Braem: Rot und Schwarz sind präsenter, dort wird dann auch stärker zugetreten. Die optimale Farbe für einen Ball bei „Schnee-Spielen“ ist Rot. Und die Farbe des Balles ist nicht zu unterschätzen. Der Hauptdarsteller beim Fußball sind nicht die Spieler, sondern der Ball. Die Zuschauer beobachten nicht die Spieler, sie verfolgen den Ball. Der Ball muss schnell sein, muss sich bewegen. Der Ball ist entscheidend für das Spiel – und die Farbwahl sollte dabei eine Rolle spielen.


Wissensecke

Social Bookmarks
[FE]